Archive for August, 2007

25. August 2007, 10:41 von iDemokratie

Warum der Tag der offenen Tür notwendig ist - Interview mit Dr. Marco Althaus

Dr. Marco Althaus„Das Einfache ist der Einstieg für das Komplexe“
Warum der Tag der offenen Tür notwendig ist. Interview mit Dr. Marco Althaus

Dr. disc. pol. Marco Althaus, M.A. (USA), Diplom-Politologe, ist Geschäftsführer des Deutschen Instituts für Public Affairs in Berlin und gibt mit seinen Ausführungen den Einstieg für das komplexe Thema der Politikvermittlung. Die Fragen für iDemokratie stellte Christian H. Schuster, Mitherausgeber der Aufsatzsammmlung „Handbuch Regierungs-PR“ (VS-Verlag).

Kann eine solche Veranstaltung wie der Tag der offenen Tür tatsächlich komplexe politische Inhalte den Bürger nahebringen?

Althaus: Ja, das kann er. Wenn die Besucher es wollen, und viele wollen – aber nicht ausschließlich. Ein solcher Tag ist keine Fachkonferenz, sondern muss auch populäre, leichte und seichte Angebote machen, sonst funktioniert es nicht.
Viele wollen einfach mal gucken, und das Einfache ist der Einstieg für das Komplexe. Das ist wie im Internet: Einige User suchen gleich nach Dokumenten, andere nach Rat, andere erst einmal etwas Triviales über die Ministerin, über das Gebäude oder über die Dienstfahrzeuge. Sie nehmen dann aber trotzdem andere Informationen mit. Ich gehe hin, aber meine Kinder sitzen dann im Flugsimulator oder machen beim Fahrradslalom mit. Aber bevor wir ein Würstchen essen, schaue ich mir noch kurz die Ausstellung über eine Organisationsreform der Behörde an oder einen Film, wie der Zoll die Zigarettenschmuggler jagt, die die Umsatzsteuerunterschiede in Europa ausnutzen. Nützen und ergötzen, das ist das Motto dieser Bürger-Politik-Party. Infotainment, wenn Sie so wollen. Der politische Informationsgehalt ist aber deutlich höher als zum Beispiel beim jährlichen Fest zum Tag der Deutschen Einheit, der inzwischen eine Riesenkirmes ist. Und auch höher als beim Tag der offenen Tür bei der Polizei, Feuerwehr oder einer Kaserne.

Der Tag der offenen Tür findet zur Halbzeit der Legislatur statt. Was haben die Kanzlerin und die Kabinettsmitglieder bisher aus kommunikativer Sicht richtig gemacht? Was ließe sich verbessern?

Althaus: Die Kanzlerin regiert recht präsidial und macht nicht jede Detailpolitik zur Chefsache. Das kann sie auch gar nicht, weil zwei gleichgewichtige Partner sich ständig gegenseitig an den Koalitionsvertrag erinnern. Die Minister haben dadurch viel Freiraum für eigene Akzente. Das drückt sich in Ressortkonflikten aus, die die Menschen immer stärker wahrnehmen. Insgesamt ist die Regierung eine nüchterne, die jetzt mit Konjunktur und Steuern viel Glück hat - was die Bürger ebenfalls klar sehen. Die Regierung Merkel hat keine allzu großen Erwartungen geweckt, als sie antrat. Die Unzufriedenheit hält sich also in Grenzen. Es ist ein verhaltener Optimismus, der sich ausbreitet - dass es weitergeht, dass Reformen greifen, dass auch kleine Schritte gut sind. Auch die EU-Ratspräsidentschaft ist sinnvoll für die Kommunikation genutzt worden. Risiken sehe ich darin, dass die Große Koalition von allen als eine Art Notehe angesehen wird, die sich von selbst destabilisiert, und dass Jahrhundertreformen im Konsens der Volksparteien augenscheinlich nicht drin sind. Viele Menschen in Deutschland haben das Gefühl, dass die Politik ihre Hausaufgaben immer noch nicht gemacht hat — zum Beispiel bei den Sozialversicherungen. Neben der Klimapolitik ist Demografie ein Riesenthema. Der Handlungskorridor schließt sich aber schnell. Das wird und muss sich auch in der Regierungskommunikation ausdrücken. Die Regierung lebt von geborgter Zeit.

Der diesjährige Tag der offenen Tür ist der neunte in Folge. Hat er sich inzwischen als festes Instrument der Regieruns-PR etablieren können - beim ersten TdoT hagelt es ja noch starke Kritik aus Oppositionsreihen?

Althaus: Ich denke schon. 150.000 Besucher kann keine Opposition ignorieren. Beteiligung, Offenheit und Transparenz lassen sich nur schwer zurückdrehen, wenn sie einmal eingeführt worden sind. Hat der Bürger einmal verstanden, dass er der eigentliche Dienstherr im Ministerium oder Kanzleramt ist, lässt er sich den Besuchstag nicht mehr nehmen. Es ist ja keine Audienz der Majestäten. Das sehen wir in der gesamten Regierungs-PR. Die meisten Ministerien gehen heute viel offener und weniger geheimniskrämerisch mit Interna um. Sie sehen darin Chancen. Es gibt zwar immer noch Geheimniskrämer, etwa das Innenministerium. Aber die Idee, Dialog auch mal jenseits von Broschüren und Schaufensterseiten im Internet zu organisieren, das hat verfangen. Trotzdem sind solche Tage weiterhin sehr teuer, extrem aufwändig und natürlich eine parteiische Selbstdarstellung. Die Regierung zeigt eine Leistungsschau mit Unterhaltungsanspruch, keine Fachkonferenz mit kritischen Experten.

Wie schätzen Sie die Bedeutung der Veranstaltung in der Regierungskommunikation ein?

Althaus: Wie so häufig gibt es massive Unterschiede zwischen der Hauptstadt und den Ländern. Innerhalb Berlins, Zehntausende Touristen eingerechnet, ist das eine große Sache. Berlin ist aber die größte Bühne, die es in Deutschland gibt. Außerhalb Berlins ist die Resonanz naturgemäß gering. Intern gesehen, freuen sich viele unbekannte Abteilungen und Behörden, dass sie auch mal eine Bühne haben, zumindest in einem Gesamtprogramm. Ein solcher Tag ergänzt die vielen Roadshows und Tourneen, mit denen die Ministerien ja auch sonst durch die Lande ziehen. Dialogveranstaltungen und Motto-Jahre als PR-Kampagnen spielen heute eine große Rolle. Dabei werden viele Einzelthemen, die Ministerien haben, gebündelt. Die Ressorts konkurrieren dabei massiv um Aufmerksamkeit. Wie so häufig ist die Gesamtwirkung jedoch größer als die Summe der Einzel-Veranstaltungen.

Ist der PR-Sicht der erfolgreich oder ließe er sich besser gestalten?

Althaus: Austauschbarkeit ist das größte Problem. Ich glaube, fast jedes Ministerium hat eine Jazzband, eine Hüpfburg und Kinderschminken. Darin unterscheidet sich das Ministerium überhaupt nicht vom örtlichen Vereins- oder Betriebsfest. Die Frage ist, ob man das praktisch ändern kann. Wenn der Minister keine Hüpfburg haben will, muss er sich eine passende Alternative einfallen lassen, bei der sich Kinder austoben können, damit die Eltern sich mal die Ausstellung ansehen können. Es wird außerdem immer so sein, dass die meisten Besucher ins Kanzleramt wollen und alle Häuser einen Riesenvorteil haben, die etwas Bewegliches und Großes zeigen können, meist mit Technikbezug. Welch ein Glück, dass das Finanzministerium nicht nur Büros und Steuerparagrafen vorzeigen kann, sondern wie Geld und Briefmarken gedruckt werden, und im Hof stehen die Hubschrauber und Spezialfahrzeuge vom Zoll.

Populärer Ausflugsort kann ein Ministerium eigentlich nur mit etwas werden, was man anfassen kann. Inhalte laufen Huckepack. Am besten klappt der Sprung zur großen Politik mit Alltagsthemen - etwa mit Infos zu Allergien oder Markenfälschungen, oder Erfahrungsaktionen, wie das ist, wenn man als Blinder durchs Dunkle tappt.

Dialogevents und Mitmach-Aktionen mit ernsthaften Inhalten müssen immer berücksichtigen, wie begrenzt die Zeit der Besucher ist. Vor allem, wenn diese sich vornehmen, mindestens fünf Ministerien plus Kanzleramt abzuklappern. Vielleicht ist es gut, wenn sich die Planer noch stärker auf die Vorfeldwerbung konzentrieren, damit die Besucher sich nicht erst beim Frühstück überlegen, welches Haus sie sich ansehen wollen. Zielgruppenveranstaltungen mit einem Riesenfest zu kombinieren, ist aber
schwierig.

Wenn sich Regierungsmitglieder unter dem Motto "Gemeinsam den Aufschwung gestalten" feiern lassen ist das nicht schon eine Art Wahlkampfevent für die zwei Volksparteien - Und ungerecht gegenüber der Opposition?

Althaus: Ja, das ist ungerecht. Wie Franz Müntefering einst sagte, Opposition ist Mist. Aber an den anderen 364 Tage im Jahr muss sich die Regierung für ihre Unzulänglichkeiten, Fehler und ungelösten Probleme prügeln lassen. Nicht nur von der Opposition, sondern von Medien, Interessengruppen und dem Ausland. Und so kurzfristig, wie Wähler heute an der Urne entscheiden, wäre nicht mal ein Tag der Offenen Tür zwei Monate vor der Wahl wirklich eine Hilfe. Insofern glaube ich kaum, dass die führenden Oppositionspolitiker ständig nachts davon träumen, wie sie selbst ihren Tag der Offenen Tür gestalten. Langfristige Parteipolitik ist eben doch etwas anderes als ein Tag Partypolitik.

Das Interview mit Dr. Marco Althaus führte Christian H. Schuster.

Lesen Sie auch den Beitrag zum Tag der offenen Tür der Bundesregierung: Das Volk auf Staatsbesuch

25. August 2007, 10:27 von iDemokratie

Das Volk auf Staatsbesuch: Politik zum Anfassen beim Tag der offenen Tür der Bundesregierung